Wochte am Sonntag: Wissenstücken

Schade, dass diesen Sommer weder Olympiade noch Fußball Welt- oder Europameisterschaft zur Verfügung stehen, um die Nationallaune anzuheben. Mal abgesehen von der multiplen Bayernweltmeisterschaft, aber die liegt jetzt auch schon wieder ein paar Wochen zurück und war zudem kein Sommermärchen. – Halt, Europameisterschaft ist doch gerade. Hat nur trotz aller verzweifelten Vorschussbeschwerden, den Damen würde nicht genügend Aufmerksamkeit zuteil, wieder keiner mitbekommen. Und das obwohl die deutsche Frauschaft (oder Mannschaftin) es diesmal sogar richtig spannend macht. Nur mit Ach und Krach (punktgleich mit Island und bloß wegen der besseren Tordifferenz, nach 0:0 gegen Niederlande, 3:0 gegen Island und 0:1 gegen Norwegen) konnte sie sich ins heutige Viertelfinale in Växjö gegen die Italienerinnen hangeln. Natürlich ist Interesse weder erjammer- noch diktierbar, doch wer’s sieht wird selig, ganz bestimmt…

Die Landesleitung fühlt sich für den frohen Staatsmut schon lange nicht mehr zuständig, stattdessen blamiert sie sich kontinuierlich und mit steigender Frequenz, was aber trotzdem niemanden so richtig zu interessieren scheint. Im Ergebnis langweilt die Politik das Volk weiterhin einfach nur und, anstatt sich aufzubäumen, lässt sie sich ihren letzten Schneid von sogenannten Partnernationen abkaufen. Letzteres sollen wir, von Langeweile eingelullt, dann seltsamerweise eher schlucken, als die Variante, dass unsere versammelte Staatsintelligenz das Heft heimlich in der Hand behalten hat. Wenn der Deutsche die Wahl hat, glaubt er offenbar, man nimmt ihm die Rolle des lieben Trottels eher ab, als die des gewieften Taktikers. Die ehemaligen Alliierten hingegen spielen ihre Rollen ohne Skrupel. Das Ergebnis, die Deutschen halten sich mit Dingen wie Volkszählung oder sonstiger mühsamer unpopulärer Datenermittlung nicht mehr selbst auf, sondern lagern das aus (neudeutsch Outsourcing).

Aber die Amis, die wissen halt auch einfach wie man Shows abzieht, vor allem solche, die dann auch wirklich alle in ihren Bann ziehen. Ulkig zwar, dass der erfolgreichste Blockbuster des Sommers mit seinem großartigen Hauptdarsteller, Publikumsliebling und Aufklärer (neudeutsch Whistleblower), von einem Verleih stammt, der seine Inszenierungen normalerweise gar nicht veröffentlicht. Umso größer dafür diesmal auch der Überraschungserfolg.
Bisher unbestätigten Gerüchten zufolge, arbeitet die Sensationsschmiede NSA nach diesem durchgreifenden Erfolg bereits fieberhaft an der Fortsetzung. Noch unbestätigteren Gerüchten aus dem Flur des Verteidigungsministeriums zufolge, arbeitet der BND an einer deutschen Adaption des Erfolgsstoffs. Innenminister Friedrich streitet dies noch ab, er wisse davon nichts und wenn, dann müsste er sowieso erst mal Obama um Erlaubnis fragen.

Für Internetnutzer und Freunde von Wolkendatenverarbeitung (neudeutsch Cloudcomputing) bringt das Ganze allerdings bestechende Vorteile und Vereinfachungen mit sich. Die Qual der Anbieterwahl hat sich ja nun vollständig erledigt. In Zukunft braucht sich jeder nur noch ein E-Mailkonto und Datenspeicherplatz beim Internetdienst NSA einzurichten. Kostenloser und bombensicherer Datenschutz (neudeutsch fool-proof backup) sind garantiert. – Apple, Google, Microsoft, Yahoo! und Konsorten müssen ja schließlich nicht auch noch mitlesen.
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