Plattschuss aktuell: Des Kaisers neue Neider

Ach wie schön waren doch die alten Zeiten mit Herrn Kaiser. Irgendwie war er langweilig, so wie Versicherungen nun einmal sind, irgendwie war auf ihn und seine Besuche Verlass, so wie wir es von Versicherungen eigentlich auch gerne hätten, irgendwie konnte er manchmal auch eine Nervensäge sein, aber irgendwie war er auch liebenswert.

Mit einem Mal war es um ihn geschehen. Herr Kaiser ist weg!

Schlachtschiff ERGO, Hamburger Hafen (Bild: ERGO)

Es ist unklar, was nun mehr auf die Nerven geht. Ist es die Allgegenwart des aktuellen ERGO Werbefeldzuges? In seiner Präsenz  gleicht dieser Feldzug wohl augenblicklich mehr einer Schlacht, in seinen Ausmaßen mehr einem Glaubenskrieg. Fragt sich nur wer die Gegner sind, wenn nicht wir 82 Millionen „Gründe“. Jedenfalls war Werbung in Deutschland selten so penetrant und selbst dort, wo ihre Plakatmotive, Filme und Anzeigen zunächst stilistisch gefallen, nerven sie irgendwann.
Oder ist es die Tatsache, dass die ERGO auf einmal so verständnisvoll tut? Dass sie also versucht, uns noch schnell mehr Verständlichkeit und Klartext als Edelmut unterzujubeln, bevor es sich rumspricht, dass sie damit nur der aktuellen gesetzlichen Verpflichtung von Versicherungsanbietern nachkommt, ihre Vertragsbedingungen zukünftig transparenter zu gestalten und gewisse Kostengeheimnisse zu lüften? – Geht uns also erst richtig die Scheinheiligkeit auf die Nerven, mit der die Kampagne versucht, aus der Not eine Tugend zu machen.

Fast könnte uns die ERGO leid tun. Wer Selbstverständlichkeiten als Vorteil verkaufen muss, dem fehlen offenbar echte Inhalte oder Vorzüge und der hat ein echtes Problem. Das ist doch in etwa so, wie wenn in einem Arbeitszeugnis steht, der Arbeitnehmer sei immer pünktlich erschienen und habe sich seinem Können entsprechend redlich bemüht.

Aber noch ein Anliegen hat die arme ERGO. Sie will nun unbedingt diesen Namen, diese Marke bekanntmachen.

Bild: ERGO

Dabei heißt intern die Zusammenfassung verschiedener altbekannter Versicherungen zu einem Unternehmen schon seit einigen Jahren ERGO. Offenbar sollen die alten Schläuche jetzt auch nach außen ausgetauscht werden, in denen freilich der alte Wein weiterhin fließt. Dass der alte Wein weiterhin darin fließt, das ist bei einer Versicherung ja wiederum nicht nur Tugend sondern Notwendigkeit.

Also verbergen sich unter dem Deckmantel der Tugend gleich zwei Nöte und so ist zu befürchten, dass zwei Nöte auch zwei Budgets mit sich bringen und die Werbeschlacht einen langen Atem hat.

Schade, denn aus dem irgendwie verlässlichen Langweiler Versicherung ist nun eine penetrante Anbiederung geworden, ein echter Störfaktor, der  Abstand und Zurückhaltung geradezu erzwingt. (Das sehen sogar die Mitarbeiter so.) Und das in einem Land, in dem Versicherung ohnehin eher als Schimpfwort oder bestenfalls notwendiges Übel gilt.

Nein, die ERGO tut nicht leid, sie nervt. Herr Kaiser, der könnte einem jetzt leid tun, aber der hat sich ja rechtzeitig aus dem Staub gemacht. Da könnte dann glatt Neid aufkommen.
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