Plattschuss aktuell: Verkehrsunfall

Eine derzeit weit verbreitete Anzeige* proklamiert:

Nicht alle Verkehrstoten hatten einen Unfall

und erklärt weiter in drei eher unbedeutenden Varianten: „Manche hatten einfach keine Ahnung.„, „… kein Kondom.“ oder „… sich einfach nicht im Griff.“ Im Bildhintergrund ist ein Bettlaken zu sehen, das vorhergegangene Aktivität andeuten soll.

Das ist irgendwie seltsam, nicht witzig, sondern recht platt und vielleicht sogar pietätslos, wenigstens den Verkehrsunfallopfern gegenüber. Aber warum?

Der Witz der Anzeige soll aus dem Verwechslungseffekt, der Doppeldeutigkeit resultieren. Der Leser denkt zunächst an etwas anderes als an das gemeinte. Der gedachte Gedankenfaden kreuzt den hintersinnigen. Die Auflösung der Verwechslung ist dann die Pointe. Soweit die Theorie.

Zur Verwechslung müsste die Aussage, so wie der Leser sie zunächst versteht, falsch sein und dann (zur positiven Überraschung), so wie eigentlich gemeint, doch richtig.
Begriffspaar zur Doppeldeutigkeit soll hier „Verkehrstote“ und „Unfall“ sein.

Konkret sollen die einen Verkehrstoten immer aus einem Unfall hervorgehen und die anderen nicht (oder wenigstens nicht immer).

Zunächst fragt sich, ob die notwendige Doppeldeutigkeit überhaupt besteht.
„Verkehrstote“ kommen meistens im Straßen-, Fern-, Nah- und Reiseverkehr vor. (Nehmen wir in Folge den „Straßenverkehr“,  als den anschaulichsten, stellvertretend für diese Gruppe).
Aber auch im Geschlechtsverkehr hat man schon von Todesfällen gehört, wenn auch seltener als dessen unmittelbare Folge. Etwas häufiger ist der Tod als mittelbare spätere Folge denkbar, vornehmlich nach Ansteckung mit tödlich verlaufenden Krankheiten.
„Geschlechtsverkehrstote“ wären also zumindest begrifflich denkbar.
Folglich sind zwei verschiedene Lebensbereiche angesprochen, auch wenn diese eigentlich genauer zu benennen wären, um das gesagte richtig einzuordnen. Immerhin, durch das Weglassen des ersten spezifizierenden Wortteils entsteht tatsächlich eine Doppeldeutigkeit – kreativ schwach, aber es funktioniert.

„Unfall“ müsste jetzt mit beiden Bedeutungen theoretisch als Folge in Beziehung stehen können. Das ist der Fall. Das Wort ist sogar so allgemein und vieldeutig, dass schier mit einer Unzahl an Begriffen in Beziehung stehen kann. Die nötige Sinnbeziehung bestünde nämlich auch noch in der Spezifikation „Verkehrsunfall“. Die Aussage lautete dann allerdings:
„Nicht alle Verkehrstoten hatten einen Verkehrsunfall.“
Das wäre exakter, erscheint jedoch stilistisch durch die Wiederholung eventuell nicht mehr sehr schön.

Nun müsste die Aussage in der ersten Bedeutung stimmen: Die einen Verkehrstoten hatten (alle) einen Unfall. – Das stimmt nur einigermaßen, denn es gibt Todesfälle im oder während des Straßenverkehrs, ohne Unfall. Denken wir nur an den Herzinfarkt, wenn auch häufig danach ein Unfall folgen mag. Allerdings ist das ebenso unmittelbar wie bei den Geschlechtsverkehrstoten. Mittelbare Todesfälle die sich später als Folge des Straßenverkehrs und seiner Auswirkungen auf den Menschen auswirken,  sind weniger erforscht, aber sehr wohl auch denkbar.
Es fällt also auf, dass die Aussage zwar irgendwie stimmt, aber mindestens ebenso ungenau ist wie die Betrachtung des Todes als Folge von Geschlechtsverkehr.

Kommen wir noch zur weiteren (doppelten) Bedeutung der Aussage: Die anderen Verkehrstoten hatten (meist) keinen Unfall. – Hier liefert die Anzeige selbst die Erklärung: Diese Toten haben wohl etwas falsch gemacht, was nicht als Unfall gelten kann. Also sind sie selbst Schuld!
Wie würde das wohl derjenige sehen, der unmittelbar am Geschlechtsverkehr starb oder wie empfindet das sein Partner?
Wie scharf darf die Trennung zwischen Unfall und Selbstverschulden gezogen werden? Gerade in den Varianten: „keine Ahnung“ oder „sich nicht im Griff“.
Passt hier der Grundsatz „Unwissenheit schützt vor Strafe nicht“! Geht es denn überhaupt um Strafe? Das sind unangenehme und tiefgreifende Fragen, das ist klar, aber genau da hört der Witz eben auf!

Dass die Konstruktion der verbalen Doppeldeutigkeit zudem auch holprig und platt war, macht es nicht besser.

Richtig schlimm ist jedoch die Verunglimpfung all jener, die für ihren Verkehrstod wirklich nichts können. Da ist es auch egal, welche der Doppeldeutigkeiten betroffen ist. Ob es der unverschuldete Straßenverkehrstote ist, der durch Gleichsetzung mit beispielsweise Kondomvergessern herabgewürdigt wird oder vielleicht derjenige, der durch Täuschung oder Gewalt zum ungeschützten Geschlechtsverkehr bewegt wird und sich ansteckt. Auch, dass das zuletzt genannte Beispiel im Vergleich seltener vorkommt, ändert nichts an seiner Schrecklichkeit.

Wer witzig oder originell sein will, muss umso genauer arbeiten, das ist bestens bekannt. Die schwache Konstruktion der Pointe, die nur mit viel Wohlwollen überhaupt schlüssig wird, wäre mit einem milden Lächeln vergessen (und die Anzeige ebenso), die Pietätlosigkeit der (hoffentlich nur übersehenen) Deutungsmöglichkeiten der Aussage sind dagegen unverzeihlich.
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*Michael Stich Stiftung mit Euro-Leasing (Anzeige)

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