{"id":480,"date":"2011-04-27T17:03:00","date_gmt":"2011-04-27T15:03:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.sporin.de\/forum\/?p=480"},"modified":"2012-10-17T16:46:23","modified_gmt":"2012-10-17T14:46:23","slug":"ok-ok-ok","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.sporin.de\/forum\/politick\/ok-ok-ok\/","title":{"rendered":"Ok, ok, ok!"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Es ist schon erstaunlich wie manche Sprachmarotten aufkommen, sich verbreiten und wie lange sie sich halten oder gar zum neuen Standard werden. Noch interessanter ist es zu beobachten, wie unterschiedlich die Menschen darauf reagieren. W\u00e4hrend die einen und ihr Wortschatz f\u00f6rmlich darauf warten, die Marotte wie ein Schwamm aufzusaugen, kann die Inkubationszeit bei anderen mehrere Monate, in manchen F\u00e4llen sogar bis hin zu ein, zwei Jahren betragen, und einige sind offenbar auch immun.<br \/>\nNicht alle Marotten sind unsch\u00f6n, Sprachen entwickeln sich einfach weiter. Allein das Wort Marotte ist schon eine solche sprachliche Absonderlichkeit, die aus dem Franz\u00f6sischen stammt und vom 17. bis zur ersten H\u00e4lfte des 18. Jahrhunderts noch als M\u00e4dchenname \u00fcblich war. Also nehmen wir lieber die Schrulle, die war wohl bisher nicht als Taufname in Gebrauch, den Tick, die Macke oder den Fimmel.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Besonders gro\u00df scheint beispielsweise die Sprachschrullansteckungsgefahr bei Reportern zu sein. Ein Sportreporter suchte einst im Eifer des zu kommentierenden Gefechts nach dem rechten Ausdruck f\u00fcr die mentale Schw\u00e4che des unterlegenen Sportlers und heraus kam pl\u00f6tzlich: &#8222;Er zeigte Nerven&#8220;. &#8211; Wie bitte? Waren nicht Nerven immer ein Sinnbild f\u00fcr St\u00e4rke? &#8222;Nerven wie Drahtseile&#8220;, &#8222;Der traut sich was, der hat Nerven&#8220;. Und Schw\u00e4che zeigen hei\u00dft dagegen doch: &#8222;Die Nerven verlieren&#8220;. Aber anstatt dar\u00fcber geschwind hinwegzugehen, passten sich (Sport-) Reporter scharenweise diesem niedrigen Nenner an. Offenbar ging von dieser Ausdrucksschw\u00e4che eine gewisse Verdr\u00e4ngungsst\u00e4rke aus. Die &#8222;schwachen Nerven&#8220; m\u00fcndeten in den synonymus weglassus, ins schlichte Gegenteil und ins blo\u00dfe &#8222;Nerven&#8220;.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch dem altehrw\u00fcrdigen Wort &#8222;Scheibe&#8220; ist wunderliches widerfahren und das kann nicht allein auf seine Salonunf\u00e4higkeit geschoben werden. Denn auch landl\u00e4ufig bedurfte es lange des Pr\u00e4fix be- um das Verb zu veradjektivieren. Die saubere Passivform &#8222;<span style=\"text-decoration: underline;\">be<\/span>schibben&#8220; erlaubte der Sache und dem Feststellenden eine gewisse Distanz. \u00c4hnlich war es bei der Umschreibung der Situation insgesamt, etwa mit &#8222;So eine Scheibe&#8220; oder gar &#8222;sch\u00f6ne Scheibe&#8220;.<br \/>\nDas ist lange vorbei, denn inzwischen wurde aus der distanzierten Passivhaltung ein wahrer Aktivfimmel. Mittlerweile ist alles direkt &#8222;scheibe&#8220;, ohne Passiv und g\u00e4nzlich desubstantiviert. Ein echtes gradliniges Adjektiv war geboren und es dauerte gar nicht lang, da erhielt es Einzug in die hohe Dichtkunst und wurde im Kinderspiel zum gro\u00dfen Hit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unglaublich lang h\u00e4lt sich inzwischen auch schon die Zweitnutzung des &#8222;ok&#8220;. Obwohl eigentlich kein Mensch wei\u00df, was die ubiquit\u00e4re Sprachmacke schlechthin, dieses &#8222;ok&#8220;, urspr\u00fcnglich bedeutet, ist es dennoch der meistverwendete Ausdruck der Welt (vgl. z.B. <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/kultur\/buch-zur-wort-herkunft-alles-okay-soweit-1.1059049\" target=\"_blank\">SZ 13.2.11<\/a>).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Neben der bisherigen Verwendung als verweltlichte Form des deutschen i.O. erf\u00e4hrt es nun seit wenigen Jahren eine sehr seltsame Zweitverschrullung, ein Comeback sozusagen in Form von &#8222;Okeeeh&#8220;. Und die Interpretation der jeweiligen Verwendung ist durchaus nicht ganz einfach. Sie variiert so ungef\u00e4hr von:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 30px;\">&#8222;Hm.&#8220;, &#8222;Mhm.&#8220;, &#8222;Ja.&#8220;, &#8222;Jaja.&#8220;, Ja!&#8220;, &#8222;Verstehe!&#8220;, &#8222;Aha!&#8220;, &#8222;Ach nee!&#8220;, &#8222;Ach was!&#8220; \u00fcber &#8222;Tats\u00e4chlich?&#8220;, &#8222;Wirklich?, &#8222;Meinst du?&#8220;, &#8222;Im Ernst?&#8220;, bis hin zu &#8222;Nicht Dein Ernst!&#8220;, &#8222;Oha!&#8220;, &#8222;Meine G\u00fcte!&#8220;, &#8222;Kann nicht sein!&#8220;, &#8222;Oh Gott!&#8220; oder &#8222;Zum Teufel!&#8220;.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei der Interpretation kann die L\u00e4nge der Dehnung oder ihre Melodie im &#8222;eeeh&#8220; eine Hilfestellung geben, muss aber nicht. Problem ist weiterhin, das alte &#8222;ok&#8220; ist nie abgetreten. Dieses Nebeneinander schafft zus\u00e4tzliche Verwirrung, die aber offenbar viele nicht bemerken, was auch daran liegen mag, dass ja eh schon keiner wusste, was das alte &#8222;ok&#8220; bedeutete.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ganz besonders h\u00fcbsch anzuh\u00f6ren ist ein &#8222;okeeeh&#8220;, wenn es ein \u00f6ffentlicher Handytelefonierer stoisch wiederholt, am besten m\u00f6glichst lautstark. Was gemeint ist wei\u00df keiner. Der Erz\u00e4hlende am anderen Ende der Verbindung nicht. Den lenkt es h\u00f6chstens ab, wenn er von seinem Zuh\u00f6rer an unregelm\u00e4\u00dfig passenden Stellen einen &#8222;okeeeh&#8220;-Zwangsabsatz verordnet bekommt. Und der bem\u00fcht zuh\u00f6rend Okeeehende selbst auch nicht. Der kann regelm\u00e4\u00dfig nicht mal auf R\u00fcckfrage erkl\u00e4ren was er gerade mit &#8222;okeeeh&#8220; meinte oder ob er mit dem &#8222;okeeeh&#8220;-Tick blo\u00df sich selbst immer wieder wachr\u00fctteln m\u00f6chte. Jedenfalls steckt nicht viel mehr dahinter, als wenn es fr\u00fcher stets &#8222;jah&#8220; hie\u00df oder &#8222;mhm&#8220;, nur dass f\u00fcr letzteres nicht mal der Mund ge\u00f6ffnet werden musste. Das war entspannt und dezent zugleich.<br \/>\nEbenso wie auch hinter dem j\u00fcngeren Nachdenkpausen-&#8222;genau&#8220; einiger Erz\u00e4hler nicht viel mehr steckt, als hinter dem \u00e4lteren &#8222;\u00e4hh&#8220;.<br \/>\nWer sich nicht sicher ist, dass der Zuh\u00f6rer ihm mit dem &#8222;okeeeh&#8220; nichts aber auch rein gar nichts mitteilen m\u00f6chte, der baue einfach mal einen kleinen Kontrollsatz ein wie:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 30px;\">&#8211;\u00a0 &#8222;&#8230; und gestern ist ganz unerwartet mein Chef gestorben, deswegen bin ich ab heut arbeitslos &#8230;&#8220;<br \/>\n&#8211;\u00a0 &#8222;Okeeeh(., ?, !)&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Also, wenn der Gegen\u00fcber die Finte tats\u00e4chlich mitbekommen sollte, dann gibt er f\u00fcr eine Weile erst mal Ruhe. Vielleicht rutscht ihm auch das Ohh noch raus, w\u00e4hrend er sich am kee verschluckt. Das w\u00e4re dann auch echt mal ok!<br \/>\n____<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist schon erstaunlich wie manche Sprachmarotten aufkommen, sich verbreiten und wie lange sie sich halten oder gar zum neuen Standard werden. Noch interessanter ist es zu beobachten, wie unterschiedlich die Menschen darauf reagieren. W\u00e4hrend die einen und ihr Wortschatz &hellip; <a href=\"http:\/\/www.sporin.de\/forum\/politick\/ok-ok-ok\/\">Lesen fortsetzen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[4],"tags":[374,377,371,366,190,380,370,365,369,361,373,345,381,372,376,375,362,367,363,189,364,378,368,379],"class_list":["post-480","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-politick","tag-absonderlichkeit","tag-adjektiv","tag-ansteckungsgefahr","tag-fimmel","tag-gott","tag-i-o","tag-inkubationszeit","tag-macke","tag-madchen","tag-marotte","tag-menschen","tag-nerven","tag-ok","tag-reporter","tag-salonunfahigkeit","tag-scheibe","tag-schrulle","tag-sprache","tag-taufname","tag-teufel","tag-tick","tag-verb","tag-wortschatz","tag-zweitverwendung"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.sporin.de\/forum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/480","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.sporin.de\/forum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.sporin.de\/forum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.sporin.de\/forum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.sporin.de\/forum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=480"}],"version-history":[{"count":53,"href":"http:\/\/www.sporin.de\/forum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/480\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":485,"href":"http:\/\/www.sporin.de\/forum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/480\/revisions\/485"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.sporin.de\/forum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=480"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.sporin.de\/forum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=480"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.sporin.de\/forum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=480"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}