{"id":1389,"date":"2015-03-18T00:07:21","date_gmt":"2015-03-17T22:07:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.sporin.de\/forum\/?p=1389"},"modified":"2015-03-31T12:13:50","modified_gmt":"2015-03-31T10:13:50","slug":"leipziger-einerlei","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.sporin.de\/forum\/plattschuss-aktuell\/leipziger-einerlei\/","title":{"rendered":"Plattschuss aktuell: Leipziger Einerlei"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Der W\u00f6rteremazipationsstreit ist alles andere als neu, aber aktuell ist weiterhin die Misere, die er ausl\u00f6st, denn wer wei\u00df mittlerweile noch, was eigentlich richtig sein soll?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unvergesslich daher seit einiger Zeit, die so leichtf\u00fc\u00dfige, wie entwaffnende kabarettistische Begr\u00fc\u00dfung, eines Abends im Wirtshaus des Vertrauens: &#8222;Liebes Publikum, sehr verehrte Damen und Herren, liebe Krankenschwestern und Krankenschwesterinnen &#8230;&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Grund ist dem nichts hinzuzuf\u00fcgen. So ein Spruch vermag das Immunsystem gegen die Wirkung von Wortunkraut wie &#8222;RentnerIn&#8220; oder &#8222;Rentner\/innen&#8220; f\u00fcr eine ganze Weile zu st\u00e4rken. Aber immer wieder kocht eine\/r den Sud auf, bis es doch wieder im Hals kratzt. Sind das nun endlich die letzten Zuckungen einer scheidenden Mode oder h\u00f6rt das nie auf?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Den intellektuellen H\u00f6hepunkt der Diskussion, um das scheinbar m\u00e4nnliche Geschlecht vieler W\u00f6rter und Worte, setzte vor knapp zwei Jahren der &#8211; oh pardon: die &#8211; erweiterte Senat der Uni Leipzig. Mit 600 Jahren M\u00e4nnerdominanz bei Personenbezeichnungen und mit &#8222;Professor\/Professorin&#8220; sei jetzt Schluss. Es g\u00e4be fortan nur noch die Professorin und den Professorin. Mit dieser Sprachregelung hielt sie sich im Lande f\u00fcr die klare Vorreiterin.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und sogar der Gesetzgeber hat reagiert. In der prinzipiell \u00fcberaus lesenswerten StVO hei\u00dft es beispielsweise (\u00a71, Abs. 2) nicht mehr:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\">&#8222;Jeder <strong>Verkehrsteilnehmer<\/strong> hat sich so zu verhalten, da\u00df kein Anderer gesch\u00e4digt, gef\u00e4hrdet oder mehr, als nach den Umst\u00e4nden unvermeidbar, behindert oder bel\u00e4stigt wird.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Stattdessen hei\u00dft es jetzt:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\">&#8222;<strong>Wer am Verkehr teilnimmt<\/strong> hat sich so zu verhalten, dass kein Anderer gesch\u00e4digt, gef\u00e4hrdet oder mehr, als nach den Umst\u00e4nden unvermeidbar, behindert oder bel\u00e4stigt wird.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Fraglich bleibt hier zwar<strong>, <\/strong>ob ein<strong> Anderer<\/strong> auch neutralisiert wurde. Steckt dahinter &#8222;das&#8220; Andere, das neutrale gef\u00e4hrdete Person? Denn \u00fcbersehen hat der Gesetzgeber den &#8222;Anderen&#8220; bestimmt nicht. H\u00f6chstens sich der Entscheidung gestr\u00e4ubt. Oder?<br \/>\nWer weiterliest wird noch verwirrter, denn gleich in der Neufassung des \u00fcbern\u00e4chsten Paragrafen (\u00a73, Abs. 2a), die konsequent auch den <strong>Fahrzeugf\u00fchrer<\/strong> eliminiert, taucht der andere b\u00f6se Geist durch die Hintert\u00fcr schon wieder auf:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\">&#8222;<strong>Wer ein Fahrzeug f\u00fchrt<\/strong>, muss sich gegen\u00fcber Kindern, hilfsbed\u00fcrftigen und \u00e4lteren Menschen, insbesondere durch Verminderung der Fahrgeschwindigkeit und durch Bremsbereitschaft, so verhalten, dass eine Gef\u00e4hrdung dieser Verkehrsteilnehmer ausgeschlossen ist.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hier wurde doch glatt der verteufelte Fahrzeugf\u00fchrer mit dem &#8222;Verkehrsteilnehmer&#8220; ausgetrieben. Kapituliert hat er also, der Gesetzgeber. Ist doch klar, ist ja auch ein Wahnsinn. Wenn man mal anf\u00e4ngt, h\u00f6rt das ja gar nicht mehr auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Also stellt sich doch die Frage, was soll das ganze dann \u00fcberhaupt?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Heute von Emazipation der Frau zu sprechen, ist schon fast aberwitzig oder gestrig, weil die Rolle der Frau, jedenfalls in unserem Kulturkreis, l\u00e4ngst gleichberechtigt ist. Manche, besonders Frauen, sagen eher, die Emanzipation, also die der Frau, sei inzwischen \u00fcber das Ziel hinausgeschossen.<br \/>\nOb die Verteilungsh\u00e4ufigkeit von Frauen in allen gesellschaftlichen Bereichen ausgeglichen ist, und ob Regeln hier hilfreich sein k\u00f6nnen, das sind andere Fragen, die, zu er\u00f6rtern, hier nicht der rechte Platz ist. Aber offensichtlich scheint, dass gesellschaftliche Entwicklung langsamer vonstatten geht, als die geistige, kulturelle.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hilft es dann noch, wenn ein Wort m\u00e4nnlichen Gechlechts, blo\u00df durch eine konstruiert neutrale oder seine weibliche Form ersetzt wird? Der Emanzipation jedenfalls nicht, denn &#8222;Professorin&#8220; dreht nur den Spie\u00df um, bleibt also genauso im Ungleichgewicht. Und diese \u00e4sthetisch zumindest fragw\u00fcrdigen Zwitterwortkonstruktionen, verunglimpfen beide Geschlechter gleichzeitig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sprache entwickelt sich, durch kulturellen Gebrauch, durch allt\u00e4glichen Gebrauch, durch beruflichen Gebrauch, durch internationalen Austausch und auch durch Reform. Dies geht teilweise rasend schnell, teilweise schleppend langsam. In unseren K\u00f6pfen bewegen sich manche Dinge langsam, n\u00e4mlich dann, wenn wir sie liebgewonnen haben. Ebenso entwickeln sie sich schnell, wenn wir an neuem Gefallen gefunden haben, manchmal nicht schnell genug.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr den Sprachverwender entsteht ein Dilemma. Wen m\u00f6chte er bedienen, wem m\u00f6chte er gefallen. Dort, wo alle eine gemeinsame Vergangenheit haben, aber nicht alle mit allen erdenklichen neuen Wortvarianten warm werden, wo Goethe, Mann, Tucholsky oder Hesse noch Gefallen finden und vor allem verstanden werden, auch wenn sie nicht man\/frau oder Jedermann\/-frau oder gar JederIn schrieben, dort sollte doch auch der Mensch, der Sprache und ihre \u00c4sthetik verehrt, nicht jeder Mode, jedem Trend folgen m\u00fcssen, um sich verst\u00e4ndlich zu machen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00dcbrigens funktioniert unsere Sprache mit vielen Auslassungen. Das wird oft \u00fcbersehen. W\u00f6rter die nur gedacht werden, bestimmen dennoch das Geschlecht: &#8222;Jeder gefragte, antwortet das gleiche.&#8220;\u00a0 Jeder ist m\u00e4nnlich, weil in der Regel &#8222;Jeder gefragte Mensch, &#8230;&#8220; gemeint ist, nur wird Mensch nicht ausgesprochen oder ausgeschrieben, weil es selbstverst\u00e4ndlich ist. Ebenso kann aber auch: &#8222;Jede gefragte, antwortet das gleiche.&#8220; richtig sein, wenn sich aus dem Zusammenhang ergibt, dass beispielsweise &#8222;jede Person&#8220; gemeint ist. Fixe Regeln f\u00fcr ein Wort, in diesem Fall: &#8222;Gefragte&#8220; (dann also substantiviert), w\u00fcrden diese Unterscheidungsm\u00f6glichkeit aufheben. Dies ist ein scheinbar unwesentlicher Fall, zeigt aber, dass die Tragweite solcher Wort\u00e4nderungen weiter gehen k\u00f6nnen, als es zun\u00e4chst scheint. Die hilflose Gesetzes\u00e4nderung verdeutlicht dies auf andere dramatische Art nur zu gut.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00dcbrigenser leben wir in der Praxis mit solchen Ungenauigkeiten schon l\u00e4nger und es geht ohne Gesetze und Beschl\u00fcsse. Beispielsweise hei\u00dft es im Norden Deutschlands meistens &#8222;das&#8220; Radio und im S\u00fcden &#8222;der&#8220; Radio. Und bei aller Verwunderung brauchen wir doch keine Regelung, um uns zu verstehen. Eine Regelung, die beides zu &#8222;die&#8220; Radio wegb\u00fcgeln w\u00fcrde und damit dem norddeutschen (Sprechenden) genau genommen den Radioapparat und dem s\u00fcddeutschen das Radioger\u00e4t wegn\u00e4hme.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der W\u00f6rteremazipationsstreit ist alles andere als neu, aber aktuell ist weiterhin die Misere, die er ausl\u00f6st, denn wer wei\u00df mittlerweile noch, was eigentlich richtig sein soll? 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